Montag, 20. Oktober 2008

Gestern - Frau Blasebalg will's wissen ...

Eigentlich ein seltsames Wort: Gestern. Ich benütze das Wort häufig und machte mir bis jetzt kaum Gedanken darüber. Aber jetzt, wo ich mich damit befassen soll, kann ich's natürlich nicht lassen ... woher kommt es eigentlich? Das gibt nun fast zwangsläufig einen textlastigen Eintrag, aber jä nu, so sei's denn! Das Herkunftswörterbuch von Duden ordnet die Bezeichnung für den Tag vor heute dem althochdeutschen gestaron zu und verbindet den Begriff mit dem niederländischen gisteren, dem englischen yesterday und dem schwedischen i går, alle zurückzuführen auf das indogermanische ĝh[đ]ies mit der Bedeutung am anderen Tag (von heute aus gesehen). Auch das griechische chthés (gestern) zeigt eine deutliche Ähnlichkeit mit diesem indogermanischen Ursprung.

Das französische hier, das italienische ieri und das spanische ayer lassen sich unschwer vom lateinischen heri (gestern) resp. hesternus (gestrig) ableiten.


*****

Zum Wort selbst fallen mir vor allem Lieder ein, allen voran natürlich Yesterday von Paul McCartney von den Beatles:

Yesterday,
All my troubles seemed so far away,
Now it looks as though they're here to stay,
Oh, I believe in yesterday.

Suddenly,
I'm not half the man I used to be,
There's a shadow hanging over me,
Oh, yesterday came suddenly.

Why she had to go I don't know, she wouldn't say.
I said something wrong, now I long for yesterday.
Yesterday,

Love was such an easy game to play,
Now I need a place to hide away,
Oh, I believe in yesterday.

Ob wohl alle Lieder, die sich mit Gestern befassen und die ich kenne und liebe, so melancholisch sind? Wie But That Was Yesterday von Neil Diamond:

Yesterday's memories

Bring today's sorrows

Now that you're gone from me
We share no tomorrows

Vielleicht sind ja französische Chansons anders? Heller, freundlicher? Aber ohalätz, da fand ich dieselbe Melancholie. Hier encore von Charles Aznavour ist ein typisches Beispiel dafür:

Hier encore, j'avais vingt ans
Je caressais le temps et jouais de la vie

Comme on joue de l'amour
Et je vivais la nuit

Sans compter sur mes jours qui fuyaient dans le temps
J'ai fait tant de projets qui sont restés en l'air

J'ai fondé tant d'espoirs qui se sont envolés
Que je reste perdu ne sachant où aller

Les yeux cherchant le ciel mais le coeur mis en terre

Hier encore j'avais vingt ans

Je gaspillais le temps en croyant l'arrêter

et pour le retenir, même le devancer

Je n'ai fait que courir et me suis essoufflé
Ignorant le passé, conjuguant au futur
Je précédais de moi toute conversation
et donnais mon avis que je pensais le bon

Pour critiquer le monde avec désinvolture

Hier encore j'avais vingt ans

Mais j'ai perdu mon temps a faire des folies
Qui ne me laissent au fond rien de vraiment précis
Que quelques rides au front et la peur de l'ennui
Car mes amours sont mortes avant que d'exister
Mes amis sont partis et ne reviendront pas

Par ma faute j'ai fait le vide autour de moi
Et j'ai gâché ma vie et mes jeunes annes

Du meilleur et du pire en jettant le meilleur

J'ai figé mes sourirs et j'ai glacé mes peurs
Ou sont-ils a présent, a présent mes vingts ans?

Klingt ja auch ziemlich resigniert, nicht wahr? Und dann gibt's noch das unsagbar traurige Lied La p'tite Marie von Edith Piaf mit dem unvergesslichen Refrain:


Hier encore ... et aujourd'hui ...

leur belle histoire, elle est finie.

Etwas hoffnungsvoller klingt immerhin Prendre hier à deux mains von Maurane, aber auch da durchdringt der Schmerz über erlittene Verluste und eine gewisse Schicksalsergebenheit die Hoffnung:

Prendre hier à deux mains,

En attendant - un jour,
Peut-être bien demain -
De retrouver l’amour.

Prendre hier à deux mains,
Et tordre enfin le cou
A la vie, aux chemins

Qu’elle emprunte pour nous...

Auf Deutsch habe ich nur einen Refrain von den Boehsen Onkelz gefunden, eine Gruppe, von der ich (vielleicht ignoranterweise) nicht allzu viel halte, obwohl ich sie nicht wirklich kenne. Deshalb kann ich auch nicht beurteilen, ob sie zu Recht in die Nähe der rechtsextremen Szene gerückt wird:

Denn gestern war heute noch morgen,

Ein neuer Tag, ein neues Glück -
Was zählt, ist nur der Augenblick.

Denn gestern war heute noch morgen.
Ich habe keine Angst mehr, ich kenne keinen Schmerz.
Ich trag den Mantel des Vergessens, Narben auf dem Herz.

Auch die spanischen Lieder scheinen vor allem den Verlust zu besingen, wie Hasta Ayer von Marc Anthony:

Hasta ayer, hasta ayer,

y perdone usted, Señora,
pero cuando el alma llora
el silencio no es remedio
para calmar el sufrir.


Hasta ayer, hasta ayer,
mi dulce dama elegante,
supe que tienes otro amante
al que quizás con el tiempo
le haras lo mismo que a mí...

Oder Ayer von Gloria Estefan:

Ayer encontré la flor que tú me diste,

imagen del amor que me ofreciste.

Aún guarda fiel el aroma aquel tierno clavel.

Ayer encontré la flor que tú me diste.

Aún guardo aquella carta que me escribiste.

De un rojo pasional tenía una marca.
Tu firma junto al clavel me puso triste.

Aún guardo aquella carta que me escribiste.

*****

Himmel nochmal! Gibt es überhaupt kein Gedicht, kein Lied, keinen Text über Gestern mit einer positiven Stimmung? Ist da immer nur das Bedauern über etwas, das man versäumt oder falsch gemacht hat? Über verlorene Lieben, verspieltes Glück...?

Das ist alles sooo nostalgisch angehaucht und von Herzschmerz durchweht! Ich gebe gerne zu, dass ich solche Augenblicke auch kenne: Dann höre ich die alten LPs und Singles (Vinyl!) aus den 1960er- und 1970er-Jahren, schmökere in den Tagebüchern meiner Jugendzeit, lese die Briefe verflossener Lieben und schwelge in den Gefühlen von damals. Gelegentlich kommt dabei durchaus Wehmut auf. Ach ja ...!


Um das Ganze für mich stimmig abzurunden, schliesse ich diesen Eintrag mit dem Satz, mit dem mein allererster richtiger Schatz seinerzeit seine Briefe zu beenden pflegte:


¡Hoy the quiero más que ayer, pero menos que mañana!

Was soviel bedeutet wie:

Heute liebe ich dich mehr als gestern, aber weniger als morgen!

Ist das nicht wunderschön? Obwohl es schon über 36 Jahre her ist, berührt mich die Erinnerung daran immer noch, als ob es gestern gewesen wäre. Da könnten schon Sehnsüchte wach werden, nicht wahr?

Ist in meinem Fall aber gar nicht nötig: Seit rund zwölf Jahren teilen wir das Leben wieder miteinander und freuen uns heute mehr und bewusster aneinander, weil wir doch während fast eines Vierteljahrhunderts getrennte Wege gegangen sind ...

1 Kommentar:

Frau Blasebalg hat gesagt…

Dankedankedankedanke - das ist ja superspannend, was Sie da alles ausgegraben haben. Ein Fleißkärtchen mit Stern!